Offener Brief an Bundesrat Alain Berset

11.01.2021

Sehr geehrter Herr Bundesrat Berset, sehr geehrte Damen und Herren

Es ist mir ein Anliegen, Ihnen für die grossartige Arbeit im Zusammenhang mit der Corona-Krise zu danken. Der Schweizer-Weg ist aus meiner Sicht ein guter Weg, auch wenn die Krise noch nicht ausgestanden ist.

Ich bin Geschäftsführer der Stiftung Alterswohnsitz in Urtenen-Schönbühl. Im Herbst 2020 wurden wir stark vom Corona-Virus getroffen. Rund die Hälfte sämtlicher Bewohnenden erkrankten innerhalb weniger Tage an Covid-19 und begaben sich in Isolation. Für das Personal galten und gelten höchste Hygienestandards. Sofort haben wir unseren Betrieb umgestellt: Unter anderem schlossen wir die Cafeteria, sorgten für Zimmerservice (Speisesaal wurde geschlossen) und stellten die Gruppenaktivitäten ein. Bis wieder alle gesund waren, galt auch ein Besuchs- und Ausgehverbot; dies in Rücksprache mit den zuständigen Behörden. Nach recht kurzer Zeit waren wir wieder Corona befreit. Unser jetziges Konzept ist so ausgelegt, dass die Bewohnenden möglichst keinen Kontakt untereinander pflegen dürfen, um die Ausbreitung innerhalb des Heims zu verhindern. Gemeinsame Spaziergänge oder Gespräche mit der nötigen Distanz und mit Masken sind selbstverständlich möglich. Die Bewohnenden dürfen Besuch empfangen und unser Haus jederzeit verlassen; unter definierten Hygiene-Vorschriften versteht sich. Dies birgt zwar ein kleines Risiko, dass sich ein Bewohner anstecken könnte, jedoch ohne Gefahr einer internen Ausbreitung des Virus. Seit 5. November haben wir keine einzige interne Corona-Übertragung festgestellt. Sprich: Unser Konzept funktioniert.

Ich entnehme der Presse, dass gewisse Kreise vorschlagen, dass die Pflegeheime Massnahmen ergreifen, um die Einschleppung des Virus ins Heim zu verhindern, dafür interne Massnahmen gelockert werden könnten. Vor ein paar Monaten war ich derselben Meinung. Heute stelle ich aber fest: Dieser Ansatz ist völlig falsch und nur theoretisch Sinn bringend! Begründung: Interne Lockerungen erhöhen bloss das Risiko, dass sich das Virus, sollte es dennoch den Weg ins Heim finden, ausbreiten kann. Und es findet immer einen Weg ins Heim! Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, das Virus zu 100% draussen zu halten. Und 100% wäre bei diesem Ansatz nötig. Schon bei 99% hat ein Pflegeheim den Kampf gegen das Virus verloren.

Immer wieder kommt es vor, dass Bewohnende beispielsweise zum Zahnarzt oder ins Spital gehen müssen (z.B. Dialyse, Verletzungen nach einem Sturz, akutmedizinische Interventionen) und unter Umständen im Spital mit Corona angesteckt werden. (Dies haben wir in den letzten Wochen mehrmals erlebt.) Schnelltest – selbst wenn diese täglich durchgeführt würden – bringen hier keine Garantie. Denn die Resultate sind bei Personen ohne Krankheitssymptomen nicht zuverlässig genug und das Heim wiegt sich im schlimmsten Fall in falscher Sicherheit.

Ich stelle zusammenfassend fest, dass aus meiner Sicht Pflegeheime das Corona-Problem nur in den Griff bekommen, wenn sie die interne Ausbreitung des Virus zu verhindern wissen, indem die Bewohnenden möglichst keinen Kontakt untereinander pflegen dürfen; dafür aber Besuche unter hygienischen Vorschriften empfangen können und das Haus auch für Spaziergänge, Spitalaufenthalte und ähnliches verlassen können. Sollte das Virus trotzdem den Weg ins Heim finden, so betrifft es bei unserem Konzept bloss eine einzelne Person, da eine Ausbreitung soweit es geht verhindert wird. Auf diese Weise werden die Rechte von Heimbewohnern möglichst wenig beschnitten. Wir haben auch festgestellt, dass dieses Konzept keine namhaften psychischen Beeinträchtigungen bei den Bewohnenden auslöst. Unseren Bewohnenden geht es trotz unseres Corona-Konzepts sehr gut, da der Kontakt zur Aussenwelt weiterhin bestehen bleibt. Namhafte psychische Auswirkungen stellten wir bloss damals fest, als Besuche und Spaziergänge untersagt waren.

Ich hoffe, dass meine Zeilen Sie inspirieren. Für ergänzende Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.


Beste Grüsse
Urs Hänni

Hinweis zur Verwendung von Cookies. Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen hierzu erhalten Sie in unseren Datenschutzinformationen